Unternehmenskrisen mit imagegefährdenden Auswirkungen oder irrationale und deshalb
umso gefährlichere Diskussionen über die Zumutbarkeit von Risiken sind beinahe täglich
Bestandteil der Medienberichterstattung. Der dadurch sensibilisierte Kommunikationsmanager
sucht Hilfe in der Literatur – und findet eine große Auswahl mit Checklisten
gefüllter How-to-do-Bücher, die aber für eine sachgerechte Krisenvermeidung und -bewältigung
häu. g zu kurz greifen.
Norbert Baumgärtners Buch „Risiko- und Krisenkommunikation" geht deutlich weiter:
Es erklärt ausführlich Gründe für das Entstehen von Krisen und es zeigt professionelle
Strategien zu deren frühzeitiger Vermeidung beziehungsweise Entschärfung. Großes
Augenmerk richtet der Autor dabei auf das Thema Risikokommunikation, sind Unternehmenskrisen
doch vielfach Resultat der gescheiterten oder mangelhaften Kommunikation
über Risiken.
Neu und hilfreich ist der interdisziplinäre Ansatz, den das Buch verfolgt und der es für
einen breiten Leserkreis interessant macht. So werden sowohl kommunikationswissenschaftliche
als auch psychologische, betriebswirtschaftliche, politische und gesellschaftliche
Aspekte berücksichtigt.
Trotz des hohen wissenschaftlichen Anspruchs, den das Buch verfolgt, hat es für den
Praktiker großen Nutzwert, denn dem Autor gelingt es durchgehend, seinen sozialwissenschaftlichen
Background mit seiner zwanzigjährigen Berufspraxis in der Risiko- und
Krisenkommunikation zu verknüpfen und wissenschaftliche Erkenntnisse in praktische
Handlungsanleitungen zu übersetzen. Fast schon amüsant zu lesen ist beispielsweise
die Klassi. kation der Anspruchsgegner eines Unternehmens in der Krisenkommunikation:
Hier trifft der Leser auf NOPES („Not on planet earth") und NIMBYS („Not in my
backyard") – und auf Typen, die er aus der täglichen Arbeit nur allzu gut kennt.
Über 60 Seiten gehören dem Thema Massenmedien und Journalisten; hier p. egt Baumgärtner
nicht das Klischee des nur am Negativen interessierten Journalisten, sondern
beschreibt eingehend die Mechanismen der Nachrichtenauswahl und -produktion und
erklärt vor allem, wie ein Unternehmen sich diese zunutze machen kann.
Interessant auch das achte der insgesamt zehn Kapitel, in dem Baumgärtner sechs
reale Unternehmenskrisen (von Seveso über Sandoz bis Lipobay) detailliert analysiert,
Kommunikationsfehler aufzeigt, Positives herausstellt und so Anleitungen zur besseren
Bewältigung ähnlich gelagerter Fälle bereitstellt.
In Kapitel 10 schließlich rechnet der Autor ab mit der von großen Teilen der Industrie
über Jahrzehnte hinweg verfolgten PR-Strategie, den Bürger durch möglichst viel
Information zu einem kleinen Experten zu machen und dadurch eine Steigerung der
Akzeptanz zu erreichen. Akzeptanz entstehe nicht durch Wissen, so der Autor, sondern
durch Vertrauen – für Baumgärtner der wichtigste Zielwert in der Unternehmenskommunikation.
Wer sich durch die über 450 Seiten des Buches liest, hat am Ende nicht nur eine Fülle
neuer Erkenntnisse über Funktion und Wirkung von PR und Massenmedien gewonnen,
sondern erkennt auch deutlich das Credo des Autors: Nicht die auf kurzfristigen Vorteil
angelegte und auf Tricks basierende PR ist es, die Erfolg bringt, sondern eine strategisch
langfristig angelegte, faire und vertrauensvolle Kommunikation mit den Massenmedien
und der Öffentlichkeit. Dass Baumgärtner dabei auch mit seiner eigenen Branche,
der chemischen Industrie, mitunter schonungslos ins Gericht geht, macht sein Buch
umso lesenswerter.